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Schulfach Glück aktuelle Wertung:
angelina
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Eintrag vom 03.09.2008 / 15.42

Ernst Fritz-Schubert hat als Lehrer das Experiment gewagt, Hauptschülern beizubringen, wie man glücklich wird. Sein Unterricht macht inzwischen Schule.

Glück und Schule: Passt das zusammen ? Doch sagt nicht der Altmeister der Pädagogik, Hartmut von Hentig,
dass Freude als täglicher Abglanz des Glücks die Grundvoraussetzung für das Lernen ist ? Hat nicht Aristoteles
gesagt, dass das letzte Ziel des menschlichen Handelns Glück ist ?

Für Aristoteles finden sich die Werkzeuge der Glücksschmiede in den Charaktertugenden oder sittlichen
Tugenden wie Gerechtigkeit, Aufrichtigkeit , Großzügigkeit, aber auch Tapferkeit und Besonnenheit. Die Wertediskussionen und das Loblied auf die Disziplin haben hier jedoch wenig erreicht. Tugenderwerb aus Geboten und Verboten abzuleiten bewirkt ebenso wenig wie ein kuschelpädagogischer Ansatz, der alles und jeden lobt.

Junge Menschen haben ein untrügliches Gespür für ehrliche Wertschätzung und konstruktive Kritik. Gefordert sind reale Situationen, in denen Körper, Geist und Seele als Einheit erfahren werden. Dies trägt zu einem funktionierenden Selbstkonzept bei und schafft einen Bezug zur Gemeinschaft.

Mit einem Team von Wissenschaftlern, Psychologen, Schauspielern, Trainern und Pädagogen haben wir uns auf den Weg gemacht, Zuversicht, Vertrauen, Verantwortung, Leistungs- und Lebensfreude als Lernziele zu formulieren und durch erlebnispädagogische Konzepte zu realisieren. Als Ergänzung zu den traditionellen Fächern bieten wir unseren Hauptschulabsolventen, die in zwei Jahren den mittleren Bildungsabschluss erwerben sollen, das Wahlfach Glück an. Unser Ziel ist es, dass die Schüler den Sinn ihrer Handlungen in heiterer Gelassenheit erkennen und den Genuss des Augenblicks erleben. Selbsterfahrungen und Gruppenerlebnisse sollen ihnen helfen, ihre Lebenswirklichkeit wahrzunehmen, sich als anerkannte Mitglieder einer Gemeinschaft zu erleben und daraus Kraft zu schöpfen. Im Rahmen einer vertrauten Schülergemeinschaft erfahren sie etwa durch angeleitete, miteinander durchgeführte Interviews bis dahin unbekannte eigene Stärken.
Die Offenbarung vermeintlicher Schwächen, die von der Gruppe positiv aufgenommen und gedeutet werden, hilft ihnen, sich selbst anzunehmen und andere wertzuschätzen.

Auch die Familie soll als Kraftquelle erfahren werden. Familienbiografien geben oft Zeugnis davon, dass die Familie auch schwierige Zeiten gemeinsam überwunden hat. Bei der „Schatzsuche“ in der Familienbiografie entdecken die Kinder manchmal bis dahin unbekannte Potenziale, werden respektvoll und stolz auf ihre Geschwister, Eltern und Großeltern.

Mentales Training gehört im Sport längst zum Repertoire. Zielorientierung, Konzentrationsübungen und Blockadenabbau wirken nicht nur leistungsfördernd, sondern auch gesundheitsfördernd. Diese Erfahrungen
wollen wir in der Schule nutzen. Selbst erstellte Wertehierarchien helfen bei der Zielfindung und zeigen die anzustrebenden Haltungs- und Handlungsziele an. Es wird dadurch zudem ein individuelles und kollektives Werteverständnis geschaffen. Durch Übungen gelingt es den Schülern, ihre Ziele gedanklich zu konkretisieren und in einzelne Schrittziele zu gliedern.

Mit Mitteln der Theater-, Bewegungs- und Ernährungspädagogik werden den Schülern die Wechselwirkungen
zwischen körperlicher Wahrnehmung, Emotionen und Kognition deutlich. Sie erkennen den Zusammenhang zwischen gesunder Ernährung und Wohlbefinden, erleben die gesellschaftlichen und kommunikativen Aspekte der Nahrungsaufnahme beim gemeinsamen und selbst zubereiteten Essen. Bei Theaterimprovisationen können sie erleben, wie der körperliche Ausdruck Emotionen sichtbar macht. Sie erfahren, dass Emotionen steuerbar sind und als Intuitionen wesentlich und nützlich sind. In der Kletterhalle erleben sie körperliche Handlungserfolge und gewinnen Zuversicht. Durch die Sicherung mit dem Seil erfahren sie, dass Vertrauen und Verantwortung zwei Seiten einer Medaille sind.

Soziales Engagement innerhalb und außerhalb der Schule lässt die Fülle des Lebens erfahren. Das Wort Dankbarkeit bleibt keine Worthülse, sondern wird mit lebendigen Inhalten und guten Gedanken gefüllt. Die Schüler erfahren so auf vielen Ebenen und vielen Wegen die guten Gründe für Zufriedenheit und Glück.

Gleichzeitig soll ihnen aber auch vermittelt werden, dass zur Fülle des Lebens das gesamte Spektrum von Freude und Trauer, von Erfolg und Misserfolg, von Glück und Unglück gehören. Sie sollen auch erfahren, dass nicht jede Krise eine Katastrophe ist und Frustrationstoleranz durch mentales Training, aber auch durch analytische
Fähigkeiten entwickelt werden kann.

Die positiven Rückmeldungen der Eltern und Schüler zeigen uns, dass der Weg in die richtige Richtung führt. Auch die wissenschaftlichen Untersuchungen des österreichischen OECD-Beauftragten Professors Ernst Gehmacher belegen nicht nur die Zunahme des subjektiven Wohlbefindens der Jugendlichen, sondern auch eine signifikante Persönlichkeitsstärkung. Eine Studie des Heidelberger Pädagogikprofessors Wolfgang Knörzer belegt zudem, dass die Schüler im Vergleich zum Beginn und zu einer Kontrollgruppe in Bezug auf Selbstkontrolle und Zielfindung beachtliche Zuwächse verzeichnen konnten.

Wir wissen, dass unsere Erfolge eng mit der Kompetenz und dem idealistischen Einsatz der Experten verknüpft sind. Eine Übertragung auf andere Schulen ist deshalb nur bedingt möglich. Gerade deshalb werden wir in einem Privatgymnasium mit wissenschaftlicher Begleitung ein weiteres Projekt mit jüngeren Schülern beginnen. Außerdem werden wir in nächster Zeit aufgrund unserer Erfahrungen für Lehrer Fort- und Weiterbildungen anbieten. Glück macht Schule.



Der Auto unterrichtet Volks- und Betriebswirtschaftslehre sowie Ethik und ist Leiter der Willy-Hellpach-Schule in Heidelberg. Sein Buch „Schulfach Glück“ ist soeben bei Herder erschienen.
Quelle: Welt am Sonntag, 10. August 2008
 
 
 
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