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Frage: Bin ich lesbisch?
Frage gestellt am: 21.01.2009 / 17:56
von rika
Ich gebe zu es fällt mir schwer über mein Problem zu sprechen, aber ich fühle mich so furchtbar verwirrt und hoffe durch eure Hilfe vielleicht etwas Klarheit zu bekommen.
Die ganze Sache ging, wenn ich so genau darüber nachdenke, eigentlich schon vor über 6 Jahre los. Ich glaube ich fühlte mich schon in der Pubertät zu Mädchen mehr hingezogen als zu Jungs. Allerdings habe ich das immer als Phase abgetan und ignoriert, zumal ich, seitdem ich 15 war, auch fast immer einen festen Freund hatte. Nun war ich aber letzte Woche auf einer Party und wie das eben immer so ist, man trinkt ein bisschen was und ist locker drauf. Naja und in dieser Situation kam es eben zu einem Kuss (also einem richtigen Kuss mit Zunge und so) zwischen mir und einem der andern Mädels auf der Party. Ich glaube für sie war das einfach nur Spaß, aber mich hat dieser Kuss zutiefst verunsichert. Es war viel besser und intensiver als mit jedem Jungen und ich habe gemerkt, dass es eigentlich das ist was ich will. Aber kann das denn sein? Ich meine ich war immer glücklich mit meinen Freunden und habe mir auch meine Zukunft mit einem Mann ausgemalt. Kann es denn sein, dass ein einfacher Kuss das alles verändert? Bin ich vielleicht wirklich lesbisch?

 
Antwort vom 26.01.2009 / 22:25
Berater: Alexander Taoussanidis
Beraterprofil anzeigen
Liebe Rika,

ich finde es ganz beeindruckend, dass Du Dich überwunden hast über die Schwierigkeiten und Unsicherheiten, die Dich belasten und über das, was Du empfindest zu schreiben. Sicherlich geht es ganz vielen Menschen genauso wie Dir, nur dass sie sich nicht so öffnen können wie Du und diesen Schritt nach vorne tun.
Was ich Deinem Brief entnehme ist, dass Du einen festen Freund hast und ich mutmaße, dass Du, so, wie Du schreibst, Dich mit ihm auch schon sexuell ausgetauscht hast. Wenn das nicht so ist, kannst Du mir das gerne in einer Antwort schreiben.
Weiterhin berichtest Du zuvor aus Deiner Pubertät und Deinem Hingezogensein zu Mädchen. Dazu möchte ich zunächst einmal sagen, dass Du mit Deiner Einschätzung in Bezug auf Deine Pubertät und darüber, dass Deine Empfindungen damals eine Art „Phase“ waren, sicher genau richtig liegst. Viele Menschen erleben in ihrer Entwicklung ähnliches, ohne dass das etwas über ihre spätere sexuelle Präferenz / Ausrichtung aussagt, und auch ohne, dass es diese Vorliebe deshalb vorab festlegen würde. In der Pubertät geht es speziell um die Erfahrung und Entfaltung Deiner eigenen Persönlichkeit, Deines Ichs. Es wird ausprobiert, experimentiert, um herauszufinden, was sich wie anfühlt, und was man für sein späteres Leben integrieren, einbauen soll. Deine Erfahrung ist in genau diesem Zusammenhang zu sehen. Die Pubertät definiert zwar einen gewissen Zeitrahmen körperlicher und seelischer Reifungs- und Entwicklungsprozesse, innerhalb dessen diese stattfinden sollen. Aber auch nach dieser Zeitperiode sind seelische Aspekte dieser Prozesse nicht immer vollständig erfahren oder gar abgeschlossen, auch bei vielen Erwachsenen nicht, welche später sogar noch bestimmte Phasen nachholen können, die sie nicht befriedigend oder erfolgreich durchlaufen haben (was manchmal Schwierigkeiten mit sich bringen kann). Es gibt sogar eine deutliche nachpubertäre Phase, in der z. B. eine stärkere Ausrichtung auf das eigene Leben, den Bereich Partnerschaft, eigene berufliche und private Ziele und eine Abnabelung von den Eltern stattfinden. In diesem Bereich wird auch noch einmal die eigene Identität geprüft und gefestigt. Dazu gehört auch der Bereich der Sexualität.
Das bedeutet für mich in Bezug auf Deine Frage: Letztlich stecke ich natürlich nicht in Dir drin, doch gerade die Art, wie Du den Moment Deiner Verunsicherung beim Küssen mit einem Mädchen oder einer jungen Frau beschreibst, lässt mich eher vermuten, dass Du etwas über die ART, DAS „WIE“ des Küssens, so wie Du es Dir wünscht und es bevorzugst herausgefunden hast. Da dies in dem Augenblick an eine Erfahrung mit einer Frau geknüpft war, stellst Du nun Deine – für Dich bis dahin eigentlich klar empfundene – Geschlechtsidentität in Frage. Daher möchte ich Dich auf den kleinen aber feinen Unterschied aufmerksam machen zwischen der Art, WIE Du Dir eine körperliche Begegnung wünschst und erfährst (z. B. die Art der Berührung, die gefühlte Intensität, das Zusammenspiel mit Deinem Liebespartner, das Gefühl der Verbindung und der Lust etc.) und demgegenüber der Frage MIT WEM Du diese Erfahrungen auf Dauer teilen möchtest, also der Frage nach Deiner sexuellen Präferenz („ich möchte die gewünschten und gefühlten Erfahrung lieber mit Männern machen / lieber mit Frauen machen“). Die Tatsache, dass Du die für Dich so erfüllende Erfahrung beim Küssen mit einer Frau gemacht hast, bedeutet weder, dass das nicht „in the heat of the moment“ mal passieren darf, auch wenn man heterosexuell ist, noch bedeutet es, dass die gleiche oder ähnliche Erfahrung nicht auch mit einem Mann wiederholbar wäre. Tatsache ist: Vorher hat Dir noch kein Mann diese Erfahrung ermöglicht, noch war ein passender in Sicht.
Die Antwort auf Deine Frage ist also: Ich würde das erst einmal nicht so dramatisch sehen, Dir viel Zeit nehmen und Dir selbst zugestehen für unterschiedliche Erfahrungen offen zu bleiben, um für Dich auf entspannte Art und Weise weiter mit dem Thema umgehen zu können. Ich glaube, dass es gerade der Druck ist, „es“ jetzt und sofort festlegen zu müssen, der Dir ja eher den Spaß an Deiner eigenen Sinnlichkeit verderben kann. Vielleicht ermöglicht Dir diese vorgeschlagene, eher genießerische oder verspielte Haltung z. B. auch einmal einen sinnlichen Zungenkuss mit einem Mann auszutauschen. Ich freue mich jedenfalls für Dich, dass Du nun zumindest genau weißt, WIE Du Dir diese Art von Austausch mit einem Liebespartner oder einer Liebespartnerin wünscht. Das ist doch eine ganz wichtige Erfahrung und Erkenntnis, die Dir ein großes Stück Deiner eigenen sexuellen Genussfähigkeit und Deines Selbstausdrucks erschließen kann, um dann nach und nach ein noch besseres Gefühl für Dich selbst zu bekommen, bei welchem Geschlecht Du letztlich lieber in einer Lebenspartnerschaft bleiben möchtest. Ich hoffe, ich konnte Dir ein Stück weiterhelfen, bei weiteren Frage darfst Du gern noch einmal schreiben.

Herzlichst,
Alexander Taoussanidis
 
Nachfrage vom 12.02.2009 / 17:16
Hallo und erst einmal (wenn auch etwas verspätet), vielen Dank für Ihre Antwort. Ich sehe die ganze Situation, und alles was damit verbunden ist, jetzt in einem ganz anderen Licht. Ich muss gestehen auf so eine Interpretation der Situation wäre ich nicht gekommen, aber dafür hat man ja Fachleute. Ich werde auf jeden Fall versuchen die ganze Sache jetzt etwas entspannter zu sehen und mir selbst nicht mehr so viel Druck zu machen.

Freundliche Grüße, Rika
 
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